Die Geschichte des Gehirns

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Decade Of The Brain, Quelle: loc.gov

Decade Of The Brain, Quelle: loc.gov

Die Beschäftigung und Erforschung des menschlichen Gehirns lässt sich bis ins Alte Ägypten zurückverfolgen. Damals wurden sogenannte Trepanationen (Schädelöffnungen) an lebenden Menschen durchgeführt. Aus der Zeit von etwa 1700 v.Chr. datiert das Edwin Smith Papyrus, die erste Beschreibung des menschlichen Gehirns, die aber keinerlei Hinweis auf dessen Funktion beinhaltet. Dass das Gehirn etwas mit unserer Sinneswahrnehmung, den mentalen Vorgängen und der Intelligenz zu tun habe, ist erst bei den griechischen Denkern Hippocrates, Plato und Herophilus zu finden. (Die Geschichte der Erforschung des Gehirns ist also sehr lang.)

Für unsere Arbeit bei ComTeam, in der in vielfältiger Form Veränderung und Lernen im Fokus steht, will ich aber erst um die letzte Jahrtausendwende (ca. 2000) beginnen und vier Forscher aus dem Gebiet der Neurobiologie hervorheben, die in besonderem Maße unsere Arbeit beeinflussen: Gerald Hüther, Gerhard Roth, Maja Storch und Daniel Siegel.


Personen und Leben in dieser Zeit

Bereits 1990 erklärte der damalige Präsident der USA George W. Bush das kommende Jahrzehnt als das „Jahrzehnt des Gehirns“ (The Decade Of The Brain). In den USA wurde dann in den Jahren 1990 -1999 eine interdisziplinäre Initiative gestartet, die zum Ziel hatte, die öffentliche Aufmerksamkeit verstärkt auf den Nutzen der Hirnforschung zu lenken. In der Bundesrepublik war in diesen Jahren Gerhard Schröder Bundeskanzler. Seine von ihm selbst so bezeichnete „Politik der ruhigen Hand“, die gekennzeichnet war von dem Grundsatz, nicht überstürzt auf wirtschaftliche Entwicklungen zu reagieren, wurde von der Opposition als Untätigkeit kritisiert. Später wurde diese politische Richtlinie durch die Agenda 2010 ersetzt; ein Programm das auf die Förderung von „Innovation, Wissensgesellschaft und sozialer Kohäsion“ (innerer Zusammenhalt) abzielte. Innenpolitisch war diese Zeit dadurch gekennzeichnet, dass Menschen auch aus sogenannten „bildungsfernen“ Schichten der Aufstieg möglich wurde, eine Tendenz, die sich z.Zt. eher wieder umzukehren scheint. In 2000 eskalierte der Rechtsextremismus in der Bundesrepublik, was im August des gleichen Jahres zu einer Sonderkonferenz der Innenminister von Bund und Ländern führte. 1999 wurde der Euro als Buchgeld, 2002 als Bargeld eingeführt, die Preise stiegen. Das alles überschattende Ereignis dieser Jahre jedoch waren die Terroranschläge vom 11. Sept. 2001, die etwa 3000 Menschen das Leben kosteten, und in der Folge ungeahnte gesellschaftliche, aber auch ganz individuelle, persönliche Auswirkungen hatten. Musik & Film: Waren die 1990er von Boygroups und Girlbands dominiert, begann im Jahr 2000 die Ära der Casting Shows. Aber auch alteingesessene Bands hatten große Erfolge: Santana heimste acht Grammys ein, AC/DC veröffentlicht nach 5 jähriger Pause wieder eine Platte, und als beste neue Künstlerin wurde auf der Grammy-Verleihung Christina Aguilera geehrt. Die Filme „The Million Dollar Hotel“ und „Ocean’s Eleven“ lockten Millionen ins Kino.


Zentrale Aussagen und Kernthesen der Neurobiologie und der Hirnforschung

Gerald Hüther

Gerald Hüther, Quelle: Robert Newald

Gerald Hüther (*1951) Gerald Hüther ist deutscher Neurobiologe und Autor wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Beiträge. In seinen Untersuchungen liegt der Hauptaugenmerk auf dem Einfluss von Angst und Stress, sowie früh gemachter Erfahrungen auf die Hirnentwicklung und das Lernen allgemein. Er versucht in seiner Öffentlichkeitsarbeit die Erkenntnisse der Hirnforschung so darzustellen, dass sie für die Lebenspraxis nutzbar werden können. Vor allem im Bereich schulischen Lernens ist er engagiert und dort haben seine Vorträge viel Wirbel verursacht. Damit ein Mensch etwas lernt, braucht es neben Wissensvermittlung vor allem eine Aktivierung der emotionalen Zentren im Gehirn d.h. es muss „unter die Haut gehen“. Für unser Lernen sind Herausforderungen wichtig, diese dürfen aber nicht zu groß sein. Zu groß sind sie dann, wenn sie eine negative Stressreaktion (im Grunde Angst) hervor rufen und dann unsere einprogrammierten „Notfall- Programme“ auf den Plan treten und das Verhalten bestimmen. Die gute Nachricht ist, dass unser Gehirn eine „Baustelle“ ist, d. h. der Gebrauch entscheidet über dessen strukturelle Ausformung, Lernen ist bis ins hohe Alter möglich. Wir brauchen jedoch Stimuli, müssen emotional beteiligt sein. Auch die inneren Bilder, die wir uns von der Realität machen, beeinflussen unser Lernen, bestimmen, wie wir uns entscheiden, wofür wir uns engagieren, worauf wir unsere Aufmerksamkeit fokussieren. Die durch vielfaches Wiederholen im Laufe des Lebens gebahnten Reaktionswege im Gehirn können nicht mehr aufgelöst werden, sie sind gewissermaßen automatisch benutzte „Autobahnen“ geworden. Das ist einerseits bequem, hat aber zur Folge, dass wir immer wieder in alte Verhaltensmuster geraten. Um ein altes Muster aufzugeben, muss eine Neubahnung (eine neue Verknüpfung von Neuronen) entstehen, muss gewissermaßen ein „Überschreiben“ stattfinden. Eine solche neue Verknüpfung entsteht, wenn der neue Zustand intensiver ist als der alte gewohnte Zustand und er wiederholt hergestellt wird. Eine hohe Intensität im Erleben bedeutet eine hohe Ausschüttung der Botenstoffe und eine quantitativ hohe Beteiligung der Neuronen. Entdeckerfreude und Begeisterung sind es, die uns zu neuem Lernen und zu Potentialentfaltung führen.

Gerhard Roth

Gerhard Roth, Quelle: fu-berlin.de

Gerhard Roth (*1942) Gerhard Roth, Biologe und Hirnforscher, ist seit 1976 Professor für Verhaltenspsychologie an der Uni Bremen. 2004 wurde das „Manifest der Hirnforschung“ veröffentlicht und einer der profiliertesten Mitautoren war Gerhard Roth. Er ist einer Gruppe von Hirnforschern zuzurechnen, welche die letzten Fragen zu Geist und Bewusstsein auf neuronale Prozesse zurückführen. Jeglicher geistiger Vorgang ist materiell bedingt, d.h. die Welt, die wir erleben, ist nichts weiter als ein Konstrukt unseres Gehirns, welches durch die Evolution bestimmte Funktionen hervorgebracht hat, die das Überleben gesichert haben. Diese Thesen haben verständlicherweise heftige Diskussionen hervorgebracht und nicht zuletzt die Frage nach dem freien Willen ist immer wieder Kristallisationspunkt der Debatte geworden. Doch nicht nur die Welt ist ein Konstrukt, auch das „Ich“ ist ein Konstrukt des Gehirns. Daraus ergibt sich eine materialistische-reduktionistische Weltsicht, die auch ein Überdenken des Strafrechts notwendig mache. Einer der wichtigen Kritikpunkte an der Hirnforschung ergibt sich daraus, dass sie unreflektiert Begrifflichkeiten aus Evolutionstheorie, Physiologie und Psychologie vermischt. Der Mensch ist aber ein soziales Wesen und ist nicht auf einzelne Organe zu reduzieren, auch nicht das Gehirn. Sicherlich hat die Hirnforschung im Bereich der Medizin ihren Stellenwert in Bezug auf die Behandlung von Erkrankungen und deren Ursachen; was das Lernen und Verhalten von Menschen anbelangt, so führt ein solcher Reduktionismus jedoch nicht zu hilfreichen Erkenntnissen. Nur verbunden mit einem lebendigen Organismus und in ständigem Austausch mit seiner sozialen und kulturellen Umwelt, in der es sich entwickelt wird das Gehirn zum Träger des Geistes.
Maja Storch

Maja Storch, Quelle: majastorch.de

Maja Storch (*1958)  Maja Storch studierte Psychologie, Pädagogik und Philosophie und ist Projektleiterin am Lehrstuhl pädagogische Psychologie der Uni Zürich. Sie sagt über sich selbst ihr Beruf sei „Erfinderin“. Zusammen mit 3 anderen Autoren (u.a auch G. Hüther) veröffentlichte sie 2006 das Buch „Embodiment“, um auf die bisher unterschätzte Wechselwirkung zwischen Körper und Psyche/Geist aufmerksam zu machen. Vereinfacht meint Embodiment alles Körpergeschehen, das aus emotionalen und kognitiven Zuständen heraus stattfindet: Körperhaltung, -ausdruck, -spannung, -bewegung etc. und die Konsequenzen, die dies beinhaltet. Vereinfacht könnte man sagen: Intelligenz braucht einen Körper. Die ersten Erfahrungen von Vertrauen und Selbstwahrnehmung werden körperlich vermittelt und auf diese Weise im Gehirn gespeichert. So wirkt sich beispielsweise die Körperhaltung auf die Emotionalität, auf Einstellungen und Urteile aus. Zusammen mit Frank Krause entwickelte Maja Storch bereits Anfang der 90er Jahre das Züricher Ressourcen Modell: Ein Selbstmanagement Training, das auf Erkenntnissen der Hirnforschung sowie der Motivationstherapie beruht. Es ist ein ressourcenorientiertes Training, impliziert also, dass der Mensch selbst die Ressourcen hat, die er zur Lösung seines Problems benötigt. Der Grundgedanke ist dabei, dass der Mensch Einfluss nimmt auf seine Emotionen, indem er seine Körperhaltung und Atmung verändert. Vorwiegend im Coaching gewinnt diese Einsicht mehr und mehr an Bedeutung und kann für persönliche Veränderungsprozesse genutzt werden.

Dan Siegel

Dan Siegel, Quelle: drdansiegel.com

Dan Siegel (*1957 ) Daniel Siegel, US amerikanischer klinischer Professor für Psychiatrie und Gründer und Direktor des Mindsight Instituts. In seinem Buch „The Developing Mind“ (1999) beschäftigte er sich mit einem interdisziplinären Forschungsfeld, das er „Interpersonale Neurobiologie“ nennt und sein Anliegen ist es, unter diesem Dach Werte wie Mitgefühl, Freundlichkeit, Resilienz und Wohlbefinden in unserem persönlichen Leben, in Beziehungen und sozialen Zusammenhängen zu fördern. Integration ist dabei das Herzstück sowohl der Interpersonalen Neurobiologie als auch seines Mindsight-Ansatzes. Mindsight meint die menschliche Fähigkeit, den eigenen und den Geist eines anderen Menschen wahrzunehmen und es ist eine machtvolle Sichtweise, durch die wir unser eigenes inneres Erleben mit mehr Klarheit verstehen können. Sie erlaubt uns, wahrzunehmen wie unser Geist arbeitet. Mindsight, eine Art fokussierter Aufmerksamkeit, ist eine erlernbare, grundlegende Fähigkeit, die sowohl der emotionalen als auch der sozialen Intelligenz zugrunde liegt. Und wenn wir diese Fähigkeit entwickeln, so können wir tatsächlich die physische Struktur des Gehirns verändern. Diese Tatsache beruht auf der Entdeckung, dass die Art und Weise, wie wir unsere Aufmerksamkeit lenken, die Struktur des Gehirns prägt. Auf diese Weise trägt die Hirnforschung dazu bei, uns zu zeigen, wie wir diese neue Verbindungen auch später in unserem Leben noch aufbauen können und damit aus eingefahrenen Gewohnheiten und Reaktionen aussteigen können

Einfluss und Konsequenzen für unsere Arbeit bei ComTeam

Wir bei ComTeam haben es in unserer gesamten Arbeit mit Veränderungsprozessen zu tun: Change Prozesse in Unternehmen, in Teams oder individuelle Veränderungen im beruflichen Umfeld. Auch das Setting, mit dem wir dann jeweils arbeiten ist unterschiedlich, doch gemeinsam ist der Ansatz, die Möglichkeiten, die in den Menschen selbst liegen zu nutzen, hervorzulocken, ins Bewusstsein zu bringen und für Veränderung zu nutzen. Die Auseinandersetzung mit der Hirnforschung hat uns da viele nützliche Impulse gebracht. Potentialentfaltung ist nicht bloße Ressourcennutzung, sondern beinhaltet Ermutigung, Inspiration, Einladung, eine neue Erfahrung zu machen, aber ohne dass die gemachten Erfahrungen und das sich daraus meist ergebende Festhalten am Bestehenden diskreditiert wird. Respekt für das was ist, bildet den Ausgangspunkt. Die Implikationen sind vielfältig, zeigen sich in der Art und Weise wie wir Veränderungsprozesse betrachten, wie wir Lösungsorientierung in die Arbeit mit Menschen und Organisationen einbringen, wie wir Arbeit als Lebens- und Lernzeit betrachten und daraus neue Impulse schöpfen. Die Haltung der Achtsamkeit z.B., die es wieder zu entwickeln gilt, hat durch ungezählte Untersuchungen im Bereich der Hirnforschung neue Relevanz gefunden. Für uns ist es eine folgerichtige Entwicklung, z.B. Achtsamkeit als eigenes Seminar zu etablieren, um die Möglichkeit zu verbessern, im Umgang mit Beziehungen, mit Leistung, aber auch mit Arbeitsprozessen und –kulturen neues Potential der Beteiligten freizusetzen. Auch in den vielfältigen Change Prozessen, die wir begleiten, haben die neuen Erkenntnisse der Hirnforschung ihre Spuren hinterlassen: Zu verstehen, warum „change is pain“ ein so häufiges Erleben der Betroffenen ist und wie wir damit respektvoll, aber auch weiterführend umgehen können, ist entscheidend für den Erfolg solcher Prozesse. Lösungsorientierung an den richtigen Stellen in den Fokus zu setzen, wenn es um individuelles Coaching geht, ist ein anderes Anwendungsfeld, in das die Erkenntnisse der Hirnforschung einfließen.


Der nächste Artikel: Im nächsten Beitrag zur vierzigjährigen Entwicklungsgeschichte des Systemischen Denkens und Arbeitens schreiben Dr. Georg Wolfgang und Sandra Daum über die Grundlagen der Unternehmenskultur-Arbeit.

Elke Lorenz

Mein beruflicher und privater Weg hat mich durch viele Arbeitsfelder und einige Länder geführt. Studium in Berlin, Zusatzausbildungen in Gestaltherapie, Hypnotherapie und Systemischer Familientherapie in Deutschland und den USA. 15 Jahre eigene Beratungspraxis in Berlin (HPG), langjährige Erfahrung als Trainerin für verschiedene Organisationen/Unternehmen und als Coach. In meiner Arbeit mit Menschen schätze ich es besonders, dabei zu helfen, die „Grenzen im Kopf“ zu verschieben, weil sich dadurch auch neue Möglichkeiten für das Handeln ergeben. Das ist die Hauptlehre meines Lebens bisher und dies mit Freude, Humor und Respekt zu unterstützen, ist mir wichtig. Ich lebe in Berlin und Südschweden und arbeite in Deutsch und Englisch.

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Elke Lorenz 2018-03-25T17:45:31+00:00 21. November 2014|

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