Wie sich Kultur auch im Fußball zeigt

Geschätzte Lesezeit: 6 Minute(n)

Beim Blick auf die Halbfinal-Paarungen der EURO 2016 hatten nicht wenige Experten mit dem Finale zwischen Deutschland und Portugal gerechnet. Dass es schließlich anders gekommen ist und Portugal gar Europameister wurde hat viele eher überrascht.

Eigentlich in der Hoffnung, dass Deutschland im Finale gegen Portugal spielt, habe ich mir die beiden Mannschaften aus kulturellen Aspekten heraus angesehen. Aus Beratersicht sind solche Ferndiagnosen ohne echten Einbezug des Beobachtungssystems (die Mannschaften waren in den letzten Wochen leider zu beschäftigt, um sich selbst an der Analyse beteiligen zu können) eher ins Reich der „Anmaßung“ zu verorten. Trotzdem kann ich – beruflich deformiert – den Blick auf gewisse Dynamiken und Zusammenhänge am Freitag spätabends nicht ausschalten… so auch nicht beim Fußball schauen.

Zum Hintergrund

Wenn Sie unseren Kulturprofil-Indikator® schon kennen, dann wissen Sie, dass wir bei unserer Arbeit im Bereich Kulturentwicklung mit einem selbst entwickelten Kulturanalyse-Tool, dem ComTeam Kulturprofil-Indikator® arbeiten. Anhand von 100 Analysekarten wird in einem dialogorientierten Prozess ein differenziertes Bild einer bestehenden Unternehmenskultur erstellt. Der Prozess schafft dabei einen gemeinsamen Bezugsrahmen, der es ermöglicht, die gewünschte Soll-Kultur zu beschreiben und die Stellhebel zu benennen, die das Unternehmen der gewünschten Ziel-Kultur ein Stück näher bringen. Anhand von zwei Achsen (rangorientiert bis gleichwertig und standardisiert bis individuell) werden vier Kultur-Archetypen voneinander unterschieden.

  • Family-Kultur: hohe Individualisierung, hohe Rangorientierung.
  • Ideen-Kultur: hohe Individualisierung, hohe Gleichwertigkeit.
  • Projekte-Kultur: hohe Standardisierung, hohe Gleichwertigkeit.
  • Struktur-Kultur: hohe Standardisierung, hohe Rangorientierung.

Im Regelfall hat jede Organisation Aspekte all dieser Archetypen, allerdings in unterschiedlichen Ausprägungen.

Portugal steht für Family-Kultur

Wie komme ich zu dieser Einschätzung?
Anzeichen für eine starke Family-Kultur innerhalb der portugiesischen Mannschaft sind:

Der beste Spieler ist auch Kapitän

Kulturregel Family: Privilegien werden individuell gewährt oder sich genommen.
Ein Anzeichen für eine starke Family-Kultur in der portugiesischen Mannschaft ist die Rolle von Cristiano Ronaldo. Während in vielen anderen Mannschaften die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt wird und die Kapitänsbinde nicht am Arm des spielstärksten Spielers landet, werden die Rollen „Superstar“ und „Mannschaftskapitän“ bei Portugal in einer Person vereint.

Cristiano Ronaldo übernimmt auch Verantwortung, die eigentlich anderen gehört

Kulturregel Family: Individuelle Befindlichkeiten oder Interessen mächtiger Personen lösen Veränderungen aus.
Die Entscheidung, wer in der Startaufstellung von Portugal steht, wird zu einem nicht unwesentlichen Teil von Kapitän Ronaldo getroffen. Der Einsatz, den er als „Spielertrainer“ im Finale gezeigt hat, hat noch einmal sehr deutlich gemacht, wie hoch sein Einfluss und seine Freiheitsgrade in der portugiesischen Nationalmannschaft sind. Schon in der Vergangenheit hat er den Einsatz von Nani auch in dessen formschwachen Zeiten regelmäßig eingefordert und sich dabei durchgesetzt. Und auch vor dem Finale hat sich Ronaldo für die Aufstellung des jungen Renato Sanchez in der Startelf stark gemacht. Erfolgreich.
Im Spiel gegen Polen hat er dafür gesorgt, dass Moutinho zum Elfmeterschießen antritt, obwohl dieser zuerst nicht wollte. Cristiano Ronaldo entscheidet, wer Elfmeter schießt.

Es gibt einen, der andere kritisiert, aber selbst nicht kritisiert wird

Kulturregel Family: Fehler werden ignoriert oder sanktioniert – je nachdem, wer den Fehler gemacht hat.
Wenn Ronaldo eine Pressekonferenz schwänzt, das Mikrofon eines Journalisten ins Wasser wirft oder ein Foto mit einem Flitzer macht, wird dieses Verhalten vom Verband geduldet (westline.de).
Wie sich Ronaldo auf dem Platz verhält, wird von Mitspielern im Spiel nicht bewertet. Es gibt keine Anzeichen von Kritik von anderen Mitspielern, wenn der Schuss in die Mauer geht oder der Pass nicht gespielt wird. Umgekehrt werden andere Spieler der portugiesischen Mannschaft sehr wohl auf Fehler und Verfehlungen aufmerksam gemacht und auch bestraft. Ganz gerne auch vom Chef persönlich.

Nicht mit Ronaldo anlegen

Kulturregel Family: Konflikte entstehen, wenn jemand die Interessen einflussreicher Personen verletzt.
Kulturregel Family: Konflikte werden mit Macht ausgefochten oder für beendet erklärt.
Wer sich in der portugiesischen Mannschaft mit dem Superstar und Kapitän anlegt, ihn gar kritisiert und in Frage stellt, bekommt die Konsequenzen schnell zu spüren. So geschehen als Trainer Paulo Bento Ronaldo öffentlich kritisierte (welt.de).

Deutschland steht für Projekte-Kultur

Auch die deutsche Nationalmannschaft hat Anteile aller vier Kulturfelder UND eine starke Ausprägung im Bereich der Projekte-Kultur.

Julian Draxler muss als „Man of the Match“ auf die Bank

Kulturregel Projekte: Ressourcen werden flexibel, aber gezielt zum Erreichen des Ergebnisses eingesetzt.
Kulturregel Projekte: Sinn und Logik lösen Veränderungen aus, die systematisch umgesetzt werden.
Nachdem Julian Draxler gegen die Slowakei eine grandiose Vorstellung abgeliefert hat, musste er gegen Italien auf der Ersatzbank Platz nehmen. Das hat den Wolfsburger zwar nicht gefreut, ein wirklicher Konflikt ist daraus aber nicht entstanden, weil in dieser Mannschaft klar ist, dass das Interesse, gemeinsam zum Erfolg zu kommen, wichtiger ist als die Befindlichkeit des Einzelnen.

Schweinsteiger ist ein Kapitän, der auf der Bank sitzt

Kulturregel Projekte: Erfolgreich ist, wer exzellente Beiträge zum Gesamtergebnis leistet.
Die Rolle des Kapitäns wird nicht festgeschrieben, sondern situativ so vergeben, dass es dem gemeinsamen Ziel (Europameister) bestmöglich dient. Dass Schweinsteiger bei seiner Einwechslung die Kapitänsbinde bekommt, zeigt eine funktionale und differenzierte Rollenbetrachtung, in der die Rolle des Kapitäns nicht mit einem Platz in der Startelf gleichgesetzt wird.

Taktikanpassung gegen Italien

Kulturregel Projekte: Strukturen und Prozesse werden auf die Erreichung des Ergebnisses ausgerichtet, sind zeitlich begrenzt und werden situativ angepasst.
Dass Jogi Löw im Spiel gegen Italien auf eine Dreierkette umgestellt hat, mag zwar Mehmet Scholl nicht so gut gefallen haben, macht aber in Anbetracht der vorhersehbaren italienischen Taktik durchaus Sinn. Dadurch verhinderte er ein schnelles Umschalten der Italiener, sowohl über schnelle, flache Pässe durch das Zentrum als auch über hohe Bälle auf die beiden Sturmspitzen Italiens (weil die Innenverteidiger dann 3 gegen 2 spielen).

Mannschaftsumstellungen
Kulturregel Projekte: Fehler werden analysiert, Schlussfolgerungen gezogen und Maßnahmen ergriffen
Während der gesamten EURO hat das Trainerteam um Jogi Löw sehr häufig Veränderungen in der Halbzeit vorgenommen, um mannschaftstaktische Fehlentwicklungen zu korrigieren. Kleines Beispiel: Im Spiel gegen Italien wurde Schweinsteiger in der zweiten Halbzeit das Auskippen auf den Flügel untersagt, um dadurch ein vertikales Spiel zwischen Höwedes und Kimmich zu ermöglichen.
Außerdem hat Löw im Vorfeld des Frankreich-Spiels in Bezug auf den leicht verletzten Schweinsteiger davon gesprochen, dass er den Fehler, einen angeschlagenen Spieler aufzustellen, nicht noch einmal begehen wird. Diesen Fehler hatte er wohl im EM-Finale 2008 gemacht, als er Michael Ballack trotz Wadenproblemen von Anfang an spielen ließ.

Fazit

Verhalten ist kontextabhängig

Wenn Draxler bei Wolfsburg im Champions League-Halbfinale auf die Bank müsste, nachdem er im Viertelfinale grandios gespielt hat, bin ich mir nicht sicher, ob er diese Entscheidung ähnlich locker wegstecken würde.
Bei Sir Alex Ferguson (damals Trainer von Manchester United) wäre Ronaldo wohl nicht auf die Idee gekommen, so in der Coaching-Zone herum zu hüpfen und den Trainer zu schubsen. Bei Real Madrid wäre auch das Einteilen anderer Spieler zum Elfmeterschießen eher schwieriger.

Unterschiedliche Kulturen sind nicht besser oder schlechter

Portugal hat zwar die EURO 2016 gewonnen, nicht aber den Vergleich der Kulturen. Da steht es weiter unentschieden. Denn auch wenn jeder von uns seinen persönlichen Gusto für den einen oder anderen Kulturtyp hat, kann man trotzdem nicht von überlegenen oder unterlegenen Kulturtypen sprechen. Es ist letztendlich sehr von der Funktion der „Organisation“ abhängig, ob die bestehende Kultur (noch) passt oder ob es eine Entwicklung in diesem Bereich gibt oder sinnvoll ist. Trotz des Erfolgs vom Sonntag: Portugals Verband wird sich bald fragen müssen, ob er nach dem Karriereende von Ronaldo einen neuen omnipräsenten Anführer etablieren möchte/kann (wie eigentlich schon seit Eusebio, Rui Costa, Figo, …) oder ob eine kulturelle Veränderung hin zu mehr Gleichwertigkeit Sinn machen könnte.

Der DFB wiederum könnte die Frage aufwerfen, was es braucht, um die Freiheitsgrade und Individualität wieder stärker in den Vordergrund zu rücken und sich so hin zu mehr Ideen-Kultur zu entwickeln. Für den Augenblick haben zwar beide Mannschaft keinen allzu großen Leidensdruck, um eine solche Veränderung auszulösen, Vision und Einsicht sind aber alternative Auslöser … also ich wäre bereit mit ihnen daran zu arbeiten. :-)

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Alexander Gottein

In meiner fünfjährigen Tätigkeit als geschäftsführender Betriebsleiter eines mittelständischen Unternehmens, hatte ich früh die Möglichkeit wichtige Führungserfahrung zu sammeln. Dabei habe ich lustvoll Veränderungen vorangetrieben und gelernt mit Widerständen umzugehen.
In meiner Arbeit als Unternehmensberater der e2m research & consulting GmbH, konnte ich Erfahrungen in den Gebieten der Strategiearbeit, der Organisationsentwicklung und des Qualitätsmanagements sammeln und meine betriebswirtschaftliche Ausbildung vertiefen.
In meiner Tätigkeit als Akademieleiter, Trainer und Berater der ComTeam AG, habe ich die Möglichkeit meine Führungserfahrung einzubringen, Erfahrungen und Wissen an andere weiterzugeben sowie Menschen und Systeme bei ihrer Entwicklung zu unterstützen.
Ich lebe mit meiner Familie in Tirol und genieße meine freie Zeit gerne mit ihr, mit Freunden oder beim Sport.

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Alexander Gottein 2018-03-25T14:18:34+00:00 12. Juli 2016|

2 Kommentare

  1. Beat Zeller 12. September 2016 um 18:39 Uhr

    Ein Highlight, dieser Artikel. Nicht nur blendende Anwendung des Kulturprofil-Indikators®, sondern auch mit feinem Humor durchsetzt, wie ein gutes Steak… Danke.

  2. Marco Stoll
    Marco Stoll 14. Juli 2016 um 09:11 Uhr

    Als neutraler Schwizer mit begrenzten Fussballambitionen und -verständnis habe ich jetzt viel mehr über Fussball gelernt, als während den zweimal 20′, in denen ich zufälligerweise ein Spiel geschaut habe. Der Kulturprofil-Indikator® muss unbedingt allen Coaches einer Fussballnationalmannschaft vorgestellt werden.
    Super Artikel!

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