Paradigmenwechsel

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F.J.Strauss, H.Schmidt, Quelle: © WDR2

F. J. Strauss, H. Schmidt, Quelle: © WDR2

Die Achtziger in Deutschland sind geprägt vom ersten Smog-Alarm, von den Großdemonstrationen in Wackersdorf und Gorleben und von der Katastrophe auf dem Flugtag von Ramstein; Boris Becker gewinnt in Wimbledon, Helmut Schmidt als Kanzler gegen Franz Josef Strauß. Nach Karl Carstens wurde Richard von Weizsäcker für zehn Jahre lang Präsident. Nena hat „Nur geträumt…“ und wurde zum aufstrebenden Star der „Neuen deutsche Welle“.

Es war auch die Zeit der Spontisprüche: Ich geh kaputt, gehst Du mit? Keine Macht für Niemand! Was Krupp in Essen, sind wir im Trinken. Gemeinsam sind wir unausstehlich. Ein Hoch auf die Kinder unserer Eltern. Lieber krank feiern, als gesund arbeiten. Ouzo statt Juso. Lieber ´n Bauch vom Saufen, als ´n Buckel vom Arbeiten!

Der Commodore C64 schafft als einer der ersten Computer den Programmier-Freaks die Plattform, das Walross Antje spielt leidenschaftlich den Pausenfüller beim NDR, und ARD und ZDF bekommen Konkurrenz: RTL+, Sat1 und 1Plus eröffnen eine neue Ära des Fernsehens.

F. Capra, „Wendezeit

F. Capra, „Wendezeit“, Quelle: © salzburg.com

In der Wissenschaft dämmert in vielen Disziplinen eine „Wendezeit“ herauf, so der viel beachtete Buchtitel des Physikers und Publizisten Fritjof Capra. Er kombiniert die Grundlagenwerke von Ilja Prigogine (Selbstorganisation und Dissipative Strukturen), Francesco Varela und Umberto Maturana (Autopoiesie), Gedanken aus dem Zen und zeitgenössische Themen (gesunde Ernährung, Überwindung von Ressourcenknappheit und Umweltzerstörung) zu einem Gegenentwurf zum Weltbild Rene Descartes, das seit dem frühen 17. Jahrhundert die Grundlage westlicher Wissenschaft bildete. Dazu weiter unten mehr. Es entstehen die Grundlagen der Systemtheorie, die später von Niklas Luhmann zur Soziologischen Systemtheorie weiterentwickelt werden. Bis heute bilden auch diese Arbeiten die konzeptionellen Wurzeln der Systemischen Beratung und Therapie. Sie sind immer noch aktuell und fundamental für alle Bereiche von Wissenschaft, in denen es um Organisation und Prozesse geht – biologische, soziologische und technische.

Kinofilme: OTTO – DER FILM, Dirty Dancing, E.T. – Der Außerirdische, Rain Man, Der Name der Rose, Das Dschungelbuch, MÄNNER, Star Wars, Das Boot, Jenseits von Afrika, Indiana Jones, Zurück in die Zukunft
Amerikanische Präsidenten: Ronald Reagan (1981 – 1989) (nach Carter und vor Clinton)
Russische Staatsratsvorsitzende: Leonid Iljitsch Breschnew (- 1982), Juri Wladimirowitsch Andropow (- 1984), Konstantin Ustinowitsch Tschernenko (-1985), Andrei Andrejewitsch Gromyko (- 1988), Michail Sergejewitsch Gorbatschow (-1992)
Deutsche Kanzler: Helmut Schmidt (- 1982), Helmut Kohl (- 1998)


Die Player und ihre Beiträge

Rene Descartes, Quelle: ©Wikimedia

Rene Descartes, Quelle: ©Wikimedia

Das Weltbild des Rene Descartes (1596 – 1650, Jurist, Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler) bildet für dreihundert Jahre die Grundlage westlicher Wissenschaft und Technologie. Descartes gilt als Begründer des Rationalismus, der später dann auch „Reduktionismus“ genannt wird. Die klare Abgrenzung zwischen Geist und Körper und ein statisches Weltbild sind Grundlage für Mechanik, Technik und für die Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Die Welt ist, wie sie ist – von Gott geschaffen, wie eine Maschine – statisch, „eingeboren“. Und Wechselwirkungen sind durch mechanische Gesetze bestimmt: Eine Ursache determiniert eine Wirkung – jede Wirkung hat eine Ursache – monokausal.

Der beobachtende Geist hat dabei keinen Einfluss auf die beobachteten materiellen Prozesse. Die Regeln der Mechanik entsprechen den Regeln der Vernunft und Aussagen sind entweder wahr oder falsch, eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Erst die Heisenbergsche Unschärferelation (1923) hat – unter anderen bahnbrechenden Entdeckungen des frühen 20. Jahrhunderts – dieses Weltbild erschüttert. Vereinfacht gesagt geht es darum, dass ein subatomares Teilchen entweder sich als Teilchen zeigt, oder als Welle – je nachdem, wie man hinschaut (misst). Das hatte auch die Erkenntnis zur Folge, dass eine Beobachtung (Messung) das Ergebnis der Beobachtung verändert – unvorstellbar im Weltbild des Descartes.

Ilya Prigogine (1917 – 2003)

Ilya Prigogine

Ilya Prigogine, Quelle: utexas.edu

Nobelpreis 2003, Chemiker, Philosoph. Prigogine hat als erster die Thermodynamik auf „offene Systeme fern vom Gleichgewichtszustand“ angewandt und die Entstehung höherer Ordnungsniveaus aus einfachen, chaotischen Grundzuständen mathematisch beschreiben können. Dafür erhielt er 1977 den Nobelpreis für Chemie.
Doch diese Entdeckungen waren im Kern philosophischer Natur: In der klassischen Dynamik, über Isaac Newton hinweg und auch noch bei Albert Einstein, wird Zeit immer reversibel (umkehrbar) verstanden. Naturgesetze müssen universal gelten, Vergangenheit und Zukunft sind selbst noch in der Relativitätstheorie identisch. Doch mit der Theorie der Nichtgleichgewichtsprozesse, mit Begriffen wie Selbstorganisation und dissipative Strukturen, führt Prigogine den Zeitpfeil ein, also den Begriff der Irreversibilität. Die Entstehung des Lebens etwa wäre ohne das Konzept der Unumkehrbarkeit der Zeit undenkbar. Fritjof Capra widmet in „Lebensnetz“ ein ganzes Kapitel Prigogine und sieht ihn gemeinsam mit Humberto Maturana und Gregory Bateson als Wegbereiter einer neuen Konzeption des Lebens.

Humberto Maturana (*1928) , Mediziner, Biologe, Philosoph und Neurobiologe
Francisco Varela (1946 – 2001), Biologe, Philosoph – Neurowissenschaftler

H. Maturana und F. Varela

Quelle: UNESP, Campus Rio Claro

Gemeinsam mit Francisco J. Varela führt Maturana den Terminus Autopoiesis ein: Das Konzept der Autopoiese ist integraler Bestandteil der biologischen Theorie der Kognition, die Maturana und Varela in „Der Baum der Erkenntnis“ beschreiben. Sie verabschieden eine Auffassung der Welt als einer „Ansammlung von zu erkennenden beobachterunabhängigen Objekten und verbinden die Prozesse der Autopoiese und der durch das Nervensystem hergestellten sensomotorischen Beziehungen des beweglichen Organismus zu einem ständigen Akt der Hervorbringung einer Welt im laufenden Prozess des Lebensvollzugs“ (aus „Baum der Erkenntnis“).Autopoiesis bedeutet im Kern, dass Systeme sich selbst produzieren und reproduzieren können, sich also selbst schaffen und erhalten. Die Struktur eines Lebewesens determiniert dabei, wie es sich verändert. Autopoiesis beschreibt also, wie ein Netzwerk als Gesamtes von seinen Komponenten erzeugt wird und umgekehrt jede Komponente in zyklischen Schleifen an der Erzeugung anderer Komponenten mitwirkt. Dies ist die Grundlage für jede moderne Form der Organisationsentwicklung, die nicht nur mit mechanischen „Maßnahmen“ Wirkung zu erzielen sucht, sondern durch das Studium der Prozesse in einer (lebendigen) Organisation nach Zusammenhängen, Interdependenzen, Vernetztheit fahndet, um nicht nur Symptome zu kurieren, sondern die „richtigen“ Impulse zu setzen.Das Konzept der Autopoiesis hat auch weitreichende Folgen dafür, was und wie wir „wissen“ können: In der Systemtheorie der Kognition (Santiago-Theorie) wird der Erkenntnisprozess mit dem Prozess des Lebens an sich gleichgesetzt. Kommunikation ist also nicht mehr nur Übermittlung von Information, sondern eine „Verhaltenskoordination zwischen lebenden Organismen durch wechselseitige strukturelle Koppelung“. Diese „Erkenntnis der Erkenntnis“ verpflichte zu einer „ständigen Wachsamkeit gegenüber der Versuchung der Gewissheit“, dass die Welt, die wir sehen, „nicht die Welt ist, sondern eine Welt, die wir mit anderen hervorbringen.“


Nikolas Luhmann (1927 – 1998), Jurist, Soziologe, Gesellschafts-Theoretiker.

Niklas Luhmann

Niklas Luhmann, Quelle: Wikimedia Commons

Das Lebenswerk Luhmanns ist eine ziemlich umfassende Theorie der Gesellschaft, die gleichermaßen Gültigkeit in sozialen Mikrosystemen (Liebesbeziehungen) als auch Makrosystemen (Unternehmen, Rechtssystem, Politik) beansprucht. Luhmann greift die Erkenntnisse von Maturana, Varela und Bateson auf. Er wendet sie vor allem auf „Soziale Systeme“ an, die sich im Wesentlichen durch Kommunikation kennzeichnen, und eben nicht durch die Menschen und ihre Handlungen. Luhmann bricht damit mit bis dahin gültigen theoretischen Grundannahmen der Soziologie und Philosophie: z.B. ersetzt er Handlung durch Kommunikation als fundamentalen soziologischen Operationstyp. Er bricht auch mit dem klassischen Subjekt-Objekt-Schema und ersetzt es durch „System und Umwelt“. Sehr sympathisch einfach erklärt werden die Grundzüge des Luhmannschen Werkes in diesem kurzen Video.Systemtheorie hilft also, die Welt besser zu verstehen: Am Anfang steht die Beobachtung, dass sich einzelne Dinge oder Lebewesen scheinbar zu größeren Sinneinheiten zusammenschließen: Fische und Fischreiher haben etwas miteinander zu tun, Eltern und Kinder sind irgendwie verbunden, Arbeitnehmer und Arbeitgeber auch. Das kann man als „System“ bezeichnen: Ökosystem, Familiensystem, Unternehmenssystem. Gemeinsam ist ihnen, dass sie einzelne Elemente mit Beziehungen zueinander haben, und eine Umwelt, von der sich das System unterscheidet. Und: Wirke ich auf eines der Elemente ein, ist das gesamte System davon betroffen: Industrie¬unternehmen ebenso wie Schulklassen, wie die Verkehrswege in einer Stadt, wie Finanzsysteme – wie wir leiderprobt feststellen mussten. Immer gibt es also einzelne Elemente, die durch Beziehungen untereinander verknüpft sind. Jedes System entwickelt Regeln, nach denen es funktioniert: Wer wem wann was sagt oder gibt, wer oder was zum System dazugehört oder nicht dazugehört, was das System erreichen will usw..Ein System ist auch mehr als die Summe seiner Elemente. Ein Auto kann fahren, obwohl keines der einzelnen Bauteile fahren kann – und auch, wenn man Reifen, Blech, Motor und Schrauben zusammen auf einen Haufen legen würde, könnten sie nicht fahren. Auf die Beziehung der Teile kommt es an – beim Auto, im Tümpel, in der Fabrik und in der Gesellschaft.


Der Paradigmenwechsel

Systemdenken, Quelle: © hypercommunication.ch

Systemdenken, Quelle: © hypercommunication.ch

Das Wort Paradigmenwechsel ist einerseits im wissenschaftlichen Kontext (Kuhn, „The Structure of Scientific Revolutions“, 1962) anzutreffen. Doch gemeinhin wird damit eine wichtige qualitative Änderung eines Denkmusters bezeichnet, wie das bei Fritjof Capra zu lesen ist. Dort ist ein Paradigmenwechsel eine radikale Änderung im persönlichen Glauben in komplexen Systemen oder in Organisationen. Er ersetzt eine ehemalige Art und Weise des Denkens oder des Organisierens durch eine radikal andere, zum Beispiel:

  • von monokausalen Erklärungen zum zirkulären Verständnis
  • vom technischen System-Denken (Thermostat) zum komplexen System-Denken (Wettervorhersage)
  • von „die Welt ist wahr/objektiv beschreibbar“ zu „jede/r konstruiert sich eine Sicht der Welt“
  • von der Analyse von Einzelteilen zur Analyse der Zusammenhänge, Funktionsweisen und Regeln im System
  • vom Glauben an „kleine Ursache – kleine Wirkung“ (Tropfen auf dem heißen Stein) zur Erkenntnis, das kleine Ursachen auch große Wirkungen haben können (Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann ein Wetterphänomen auslösen)
  • vom Symptom-Behandeln zum Erkennen und Bearbeiten von Systemdynamik

Konsequenzen für die Organisationsberatung und Führung

Der Paradigmenwechsel der Achtziger Jahre hat weitreichende Konsequenzen für die Konzepte und Vorgehensweisen in moderner Beratungsarbeit. Doch auch Führungskräfte tun gut daran, systemisches Denken und Handeln zur Leitlinie ihrer Entscheidungen und Verhaltensweisen zu machen. Dies sind ein paar der wichtigsten Konsequenzen:

  • Neue Strategien brauchen immer Konsequenzen, sowohl für die Organisations- als auch für die Kultur-Entwicklung (Regeln und Kommunikation)
  • Die Lösungen von Sachfragen müssen auf ihre Auswirkungen überprüft werden (Vernetzungstechnik)
  • Organisatorische Lösungen (Strukturen, Prozesse…) müssen mit ihren Wirkungen auf die Kommunikation betrachtet werden (Kultur-Entwicklung)
  • Bei Konflikten zwischen Bereichen und Personen sind vornehmlich die Kontext-Regeln zu bearbeiten – erst danach eventuell die individuellen Persönlichkeits-Themen
  • Symptome sind selten die Ursache von Problemen – es muss die Systemdynamik verstanden werden, die Regeln, die das Symptom – als Lösung – nötig machen
  • Widerstände und Blockaden sind Informationen über die Kommunikation im System, was bedeutet, Probleme nicht zu schnell zu personalisieren
  • Bei radikalen Veränderungsnotwendigkeiten muss die Organisation an die existenzielle „Grenze“ gebracht werden; damit Bewusstsein für die Krise entsteht, muss man entweder die Wahrnehmung der Probleme „verschärfen“ oder visionäre Ziel entwickeln; (Leidensdruck oder Vision als Auslöser für Veränderung)

Der nächste Artikel:
Der nächste Beitrag zur vierzigjährigen Entwicklungsgeschichte des Systemischen Arbeitens führt uns ins Reich der Familientherapeuten, die ursprünglich die Dynamiken in belasteten Familiensystemen im Fokus hatten, sie zu verstehen und zu verbessern suchten. Doch bald fanden ihre Erkenntnisse auch fruchtbare Anwendungsfelder in Organisationsgruppen und Teams, und kaum ein Organisationsberater heute verfügt nicht über eine Aus- oder –Weiterbildung in Systemischer Familientherapie.

Lorenz S. Forchhammer

Jahrgang 1957, Sozialwissenschaftler mit zahlreichen Weiterbildungen in Systemischer Beratung und Projektmethoden. Seit 1985 bei ComTeam. Nach 15 Jahren Vorstandstätigkeit wechselte ich meinen Schwerpunkt auf „Forschung und Lehre“ und bin heute als Strategieberater, Hochschuldozent, Change-Consultant, Coach und Führungskräftetrainer unterwegs. Zahlreiche Veränderungsprojekte und Programme für Executives haben meine Arbeitsweise in den letzten Jahren geprägt. Ich verfasse Bücher und Fachartikel zu „Veränderungsprozessen“, zu „Entscheiden in komplexen Situationen“ und zu „Unternehmenskultur“. Ich arbeite auf Deutsch und Englisch, genieße meine große Familie, koche leidenschaftlich mit großem Geschirr und lese mit großem Vergnügen englische Thriller.

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Lorenz S. Forchhammer 2018-03-25T17:46:02+00:00 24. Oktober 2014|

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