Die Systemkritiker

Geschätzte Lesezeit: 7 Minute(n)

Jimi-Hendrix Woodstock, Quelle: © Wikipedia

Jimi-Hendrix Woodstock, Quelle: © Wikipedia

In den sechziger Jahren entstanden in den westlichen Industrienationen Protestbewegungen, die die Nachkriegsgeneration auslöste. Die amerikanische Hippie-Bewegung schwappte 1965 nach Europa: Der Protest gegen die verkrusteten Gesellschaftsstrukturen, gegen den Vietnam-Krieg, die Studienbedingungen an den Hochschulen, die Sexuelle Revolution und der Wunsch nach Selbstverwirklichung waren die Themen, die Studenten-Demonstrationen – vor allem in Frankreich und Deutschland – aufgriffen.

Aber auch Musik (Janis JoplinJimi HendrixBeatlesRolling Stones), Drogenkonsum und Mode waren Ausdrucksformen des Protests. Im Mai 1968 eskalierte an der Pariser Sorbonne die Auseinandersetzung mit der Polizei. Parallel dazu gingen in Frankfurt (Frankfurter Schule) die Studenten mit der Forderung nach Auflösung der autoritären Hochschul- und Gesellschaftsstrukturen auf die Straße und besetzten Hörsäle. Viele Sympathisanten unterstützten diese Forderungen und sorgten damit für die weitere Polarisierung zwischen den politischen Lagern. Nach dem Attentat im April 1968 auf den Studentenführer Rudi Dutschke kam es in zahlreichen westdeutschen Städten zu bürgerkriegsähnlichen Straßenschlachten mit der Polizei. Die Große Koalition förderte damit ungewollt die APO (Außerparlamentarische Opposition) und stärkte in der Bevölkerung den Wunsch nach mehr freiheitlichen und demokratischen Entwicklungen (Willy Brandt: „Mehr Demokratie wagen…“ )

Es ging in diesen Jahren um sehr Grundsätzliches: um das Leben an sich, um den Umgang mit anderen Nationen, um Krieg und Frieden in Vietnam und die Sorge um das Wohlergehen des Planeten und der Menschheit.

Kinofilme: Solaris, 2001 Odyssee im Weltraum, Yellow Submarine, Rosemarys Baby, Oswald Kolle
Amerikanische Präsidenten: Lyndon B. Johnson (1963 – 1969) und Richard Nixon (1969 – 1974)
UdSSR Staatsoberhäupter: Nikita Chruschtschow (1953 – 1964) und Leonid Breschnew (1964 – 1982)
Deutsche Kanzler: von Kiesinger (CDU) zu Willy Brandt (SPD) „Mehr Demokratie wagen“


Die Player und ihre Beiträge

Club of Rome

Clube of Rome

Quelle: Wikipedia

Der Club of Rome wurde 1968 von dem FIAT-Manager Aurelio Peccei und dem OECD-Generaldirektor Alexander King in Rom ins Leben gerufen, mit dem Ziel, sich für eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft der Menschheit einzusetzen. Die Weltöffentlichkeit kennt den Club of Rome seit 1972 durch den viel diskutierten Bericht „Limits to Growth“ („Grenzen des Wachstums“).

 

Herbert Marcuse (1898 – 1979)

Herbert Marcuse

Herbert Marcuse, Quelle: Wikipedia

In den USA erschienen Herbert Marcuses zwei Hauptwerke Eros and Civilization 1955 und One-Dimensional Man 1964. Beide Werke und die Schriften zur Repressiven Toleranz 1965 und zu dem Sammelband Studien über Autorität und Familie (1936) gehören zu den wichtigsten Arbeiten der Kritischen Theorie und zählten zu den Standardwerken der Studentenbewegung in aller Welt, vorwiegend in den USA und Deutschland. 1967 und 1969 verbrachte er mehrere Monate in Europa. Marcuse hielt Vorträge mit Diskussionen vor Studenten in Berlin, Paris, London und Rom.

Jürgen Habermas (*1929)

Habermas

Jürgen Habermas, Quelle: Wikipedia

Wegen der Vielfalt seiner philosophischen und sozialwissenschaftlichen Aktivitäten gilt Habermas als ein produktiver und engagierter Intellektueller. Er verband den historischen Materialismus von Karl Marx mit dem amerikanischen Pragmatismus, der Entwicklungstheorie von Piaget und Kohlberg und der Psychoanalyse von Freud. Zudem beeinflusste er maßgeblich die deutschen Sozialwissenschaften, die Moral– und Sozialphilosophie. Meilensteine waren vor allem seine Theorie des kommunikativen Handelns und, wiederholt inspiriert durch die diskurstheoretische Auseinandersetzung mit Karl-Otto Apel, seine Diskurstheorie der Moral und des Rechts.

Theodor W. Adorno (1903 – 1969)

Adorno

Theodor W. Adorno, Quelle: Wikipedia

Theodor W. Adornos Arbeit als Philosoph und Soziologe steht in der Tradition von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx und Sigmund Freud. Wegen der Resonanz, die seine schonungslose Kritik an der spätkapitalistischen Gesellschaft unter den Studenten fand, galt er als einer der theoretischen Väter der deutschen Studentenbewegung. Ihren bewusst regelverletzenden und teilweise in Gewalt übergehenden Aktionen begegnete er allerdings mit Befremden und Distanz. So kritisch er auch die gesellschaftlichen Verhältnisse beurteilte, als Philosoph und Soziologe sah er seine Aufgabe darin, Phänomene zu deuten.

Alexander Mitscherlich (1908 – 1982)

Mitscherlich, Quelle: Wikipedia

Alexander Mitscherlich, Quelle: Wikipedia

Ab 1947 war Alexander Mitscherlich der Herausgeber der Zeitschrift Psyche und gründete 1949 die Abteilung Psychosomatische Medizin an der Universität Heidelberg. Zudem beteiligte er sich aktiv am Versuch der Aufarbeitung der Beteiligung deutscher Ärzte an nationalsozialistischen Verbrechen. Von 1960 bis 1976 leitete Mitscherlich das von ihm gegründete Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main. Von 1973 bis 1976 hatte er eine Professur an der Universität Frankfurt. Als Architekturkritiker („Die Unwirtlichkeit unserer Städte“) entspricht seine Bedeutung der von Jane Jacobs. Mitscherlich war Atheist und Mitbegründer sowie langjähriges Mitglied der 1961 begründeten Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union.

Ed Schein (*1928) am M I T (Massachusetts Institute of Technology)

Quelle: thelaedershiphub

Ed Schein, Quelle: thelaedershiphub

Edgar Schein hat als Schüler von Douglas McGregor und Dick Beckhard so grundlegende Konzepte wie Organisationskultur, Prozessberatung und Karriere-Anker begründet. Schein gilt neben Kurt Lewin, Dick Beckhard, Chris Argyris und Warren Bennis als Mitbegründer der Organisationsentwicklung. Er beschrieb den Widerstand gegen Veränderungen als konstruktives Phänomen, das zu „Beteiligung von Betroffenen“ führte. Seine Konzepte hat er in jahrzehntelanger Arbeit mit wichtigen Kundensystemen entwickelt: Mit Digital Equipment das Konzept der Organisationskultur und Prozessberatung, mit Ciba-Geigy das Konzept des Karriereankers. Er hat unter anderem als Berater für Digital Equipment Corporation (DEC) gearbeitet und darüber ein bekanntes Buch geschrieben. Dieses stellt als einziges Buch die gesamte Lebensphase einer Organisation dar. Schein gilt als geistiger Vater der Prozessberatung und auch der Fünften Disziplin von Peter Senge.

Quickborner Team

Quickborner Team

Quickborner Team

Firmengründer Eberhard und Wolfgang Schnelle konzipierten anfangs Bürolandschaften und setzten sich für eine basisdemokratische, teamorientierte Organisation ihres Beraterkreises ein. Nachdem das Unternehmen 1961 nach Quickborn in Schleswig-Holstein umgezogen war, gab es sich daher 1965 den Namen »Quickborner Team«.
Das Quickborner Team entwickelte Ende der 60er Jahre die ModerationsMethode, die Beteiligung – auch von größeren Gruppen – an Veränderungs-Prozessen ermöglichte. Die ModerationsMethode sorgte für mehr Mitwirkungsmöglichkeiten – auch von Arbeitern in der Produktion: Die Lernstatt war die deutsche Antwort auf die japanischen Qualitätszirkel.
Horst Ehmke (damaliger Chef des Bundeskanzleramtes) beauftragte das Quickborner Teams mit einem Regierungs- und Verwaltungsreform-Projekt, das die verkrusteten Strukturen demokratisieren sollte.
1972 trennten sich die Schnelle-Brüder (u.a. auch mit Karin Klebert, die später auch für ComTeam arbeitete) vom Quickborner Team und gründeten Metaplan.1974 gründeten Heide und Walter G. Straub (von 1972 bis 1974 im Quickborner Team) in München das Unternehmen ComTeam.

Moderations-Methode

Moderations-Methode

SIEMENS:
Die damalige Abteilung ZBO (Zentrale Betriebswirtschaft und Organisation) hat 1970 die bis dahin erworbenen Erkenntnisse für die Gestaltung von Veränderungs-Prozessen in einem Buch zusammengefasst: „Organisationsplanung“ – Beteiligung, Moderationsmethoden. Walter G. Straub war an diesem Werk als Mitautor beteiligt.
Wenige Jahre später entstand das Standardwerk der „ModerationsMethode“ von Walter G. Straub, Dr. Einhard Schrader und Dr. Karin Klebert, das heute in seiner 3. Auflage immer noch als Lehr- und Nachschlagewerk vielen ModeratorInnen nützliche Dienste erweist.

Zentrale Aussagen: Mehr als Effizienz, Profit und Wachstum – Durch Humanisierung und Partizipation die Menschen gewinnen

  • Grenzen des Wachstums: Die Leitidee ist eine nachhaltige Entwicklung, die die Bedürfnisse der heutigen wie auch der künftigen Generationen an den begrenzten Ressourcen sowie der begrenzten Belastbarkeit unserer Ökosysteme orientiert. Der Club of Rome nimmt eine globale Perspektive ein, in der komplexe Wechsel­wirkungen ebenso wie lange Zeiträume zur Geltung kommen sollen. Dieser Grundsatz ist im Ausdruck „Global denken – lokal handeln“ („Think global, act local“) zum Markenzeichen des Club of Rome geworden.
  • Make Peace not War (Schwerter zu Pflugscharen): Die Anti-Kriegsbewegung ist international in dieser Zeit stark gewachsen und hat mit dafür gesorgt, dass friedliche Konfliktlösungs-Ansätze weiterentwickelt wurden.
  • Mehr Demokratie wagen: Diese Grundstimmung in der Gesellschaft sorgte für mehr Partizipationsbestrebun­gen in politischen wie in wirtschaftlichen Kontexten. Erste Ansätze in Veränderungsprozessen sorgten für beteiligungsorientiertes Vorgehen = Betroffene zu beteiligen. Die Mitgestaltungsrechte wurden auch in Aufsichtsräten ausgebaut, Arbeitnehmervertreter wurden „zugelassen“ – mit dem konsequentesten Start in der Montan-Industrie.
  • Humanisierung der Arbeitswelt: In dieser Zeit mussten Unternehmen sich um Mitarbeiter bemühen, weil Arbeitnehmer aus vielen offenen Arbeitsstellen wählen konnten. Neben der Arbeitsplatz-Optimierung (REFA-in der Fertigung) mussten deshalb auch die Interessen / Bedürfnisse der Mitarbeiter wichtig genommen werden. Diese Notwendigkeit, ein für Mitarbeiter attraktiver Arbeitgeber zu sein, wird zurzeit – gerade durch unsere Demographie-Entwicklung – wieder stark erkannt.
  • Lernstatt: Für die Entwicklung von Problemlösungen, neuen Arbeits-Abläufen und -formen, von Qualitäts-Sicherungs-Maßnahmen sind in dieser Zeit viele Ansätze und Vorgehensweisen entwickelt worden, die neben der Qualität auch die Akzeptanz von Lösungen zum Ziel hatten. Beteiligung, Gruppenarbeit, Feedbackrunden, Quality Circle, Workshops waren die Begriffe, die den Beginn der Organisations-Entwicklung markieren.

Konsequenzen für Führung und Organisation

  • Die ent-autoritäre Gesellschaft: Der Abschied von autoritärem Verhalten und Strukturen (Strukturelle Gewalt) > Rudi Dutschke („Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren!“), Antiautoritäre Bewegung als extreme Gegenreaktion (Summer Hill und die Antiautoritären Kinderläden). Die Menschen erwarten überall mehr Mitsprache-Möglichkeiten, allein die Ausrichtung auf wirtschaftliche Ziele wurde von vielen nicht mehr akzeptiert.
  • Kollektives Wissen als Voraussetzung zur Bewältigung von Komplexität (Club of Rome als multidisziplinäre Expertenrunde)
  • Mitbestimmungs-Gesetzgebung (Montan-Mitbestimmung)

Das ist heute noch aktuell

  • Die Attraktivität von Arbeit und die Attraktivität eines Unternehmens für MitarbeiterInnen zu fördern, ist aktueller denn je (die heutige Situation ist vergleichbar zu den siebziger Jahren auf dem Arbeitnehmer-Markt)
  • Partizipation ist zwar selbstverständlich, wird aber nur selten professionell genug gemanagt und häufig nur widerwillig inszeniert (Smart people, Generation Y)
  • Moderne Organisationsformen und die Ansätze zur Gestaltung von Veränderungsprozessen wurzeln in dieser Zeit
  • Beteiligung aus Qualitäts- und Akzeptanzgründen (Beteiligung führt zu guten Ergebnissen und zu wertgeschätzten und zufriedenen Mitarbeitern = Lernstatt und Humanisierung der Arbeit)
  • Entscheidungsprozesse müssen die vorhandene (inhaltliche wie soziale) Komplexität bewältigen

Der nächste Artikel:
Der nächste Beitrag zur vierzigjährigen Entwicklungsgeschichte des Systemischen Arbeitens führt uns zur Entstehung der Humanistischen Psychologie, die auch unsere Vorgehensweisen bei ComTeam sehr geprägt haben. Die wichtigsten Protagonisten dieser Entwickler sind für uns: Bateson, Maslow, Rogers, Levin, Moreno, Satir, Perls, Erickson, Cohn, Kurtz, Bandler und Grinder.

Walter G. Straub

Seit 40 Jahren begleite ich Organisationen und Führungskräfte bei der Gestaltung von Veränderungen (Strategie-, Kultur,- Entwicklungs- und Fusions-Prozesse), seit ein paar Jahren nur noch das Top-Management beim Finden von Klarheit der eigenen Rolle und beim Bewältigen der jeweils anstehenden Herausforderungen. Darüber hinaus unterstütze ich Unternehmer und Manager bei Übergängen, damit Stafetten-Übergaben für alle Seiten auch wirksam gelingen. Seit der Umwandlung in eine AG bin ich aus der operativen Geschäftsführung in den Aufsichtsratsvorsitz von ComTeam gewechselt. 1974 haben meine Frau und ich ComTeam gegründet.

Alle Posts ansehen
Walter G. Straub 2018-03-25T17:46:25+00:00 27. September 2014|

Ein Kommentar

  1. Stefan Riefler 6. Oktober 2014 um 14:31 Uhr

    Hallo ComTeam, hallo Herr Straub,

    der Beitrag bietet einen guten Blick auf die Entstehungszeit von ComTeam. Von einzelnen Dingen hatte ich in unserer Arbeit für Sie immer mal wieder gehört, aber hier ist das nachseh- und nachlesbar. Man verspürt irgendwie Lust, in den bewegten Jahren damals auch mal dabei gewesen sein zu dürfen. Als achtjähriger habe ich 1968 noch ganz anders wahrgenommen.
    Und es gibt Kreuzungen zur eigenen Vita. Der Name Digital Equipment sagt mir auch noch etwas. 1986 habe ich in der Deutschlandzentrale des damlas zweitberdeutendsten Computer-Unternehmens (neben IBM) ein Praktikum gemacht und später meine Abschlussarbeit an der Uni (!987) auf einer geliehenen sogenannten Workstation von DEC geschrieben.
    Ich feue mich auf die nächsten Artikel.

    Mit den besten Grüßen, Stefan Riefler

Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und akzeptiere sie hiermit.

Teile es mit Freunden