Denken hilft nicht, nützt aber doch?

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Filmplakat, Quelle: Amazon

Movie cover, Quelle: Amazon

Im neuen Jahrtausend: Der Euro wurde am 1. Januar 2002 in 12 EU-Ländern als Bargeld eingeführt. Am 1. Mai 2004 beschloss der EU-Gipfel in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen die Aufnahme von zehn neuen Mitgliedern. Gerhard Schröder war deutscher Bundeskanzler, Johannes Rau war Bundespräsident, George W. Bush amerikanischer Präsident. Brasilien wurde 2002 in Yokohama Fußball-Weltmeister. Lettland gewann mit Marie N und „I Wanna“ den Eurovision Song Contest.

Nobelpreis für Wirtschaft: „The Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences in Memory of Alfred Nobel 2002 was divided equally between Daniel Kahneman for having integrated insights from psychological research into economic science, especially concerning human judgment and decision-making under uncertainty“ and Vernon L. Smith „for having established laboratory experiments as a tool in empirical economic analysis, especially in the study of alternative market mechanisms“.

Friedensnobelpreis: Jimmy Carter „for his decades of untiring effort to find peaceful solutions to international conflicts, to advance democracy and human rights, and to promote economic and social development“.

Kinofilme: Der Herr der Ringe, Ice Age, A Beautiful Mind.


Neue Erkenntnisse, wie wir Entscheidungen treffen können

Sie werden sicherlich erkannt haben, liebe Leserin, lieber Leser, dass der erste Teil des Titels eine Abwandlung des Buchtitels von Dan Ariely, einer der führenden Köpfe dieser relativ neuen Disziplin der Wirtschaftswissenschaften, ist. Dan Ariely und Daniel Kahnemann, der für seine Forschung auf diesem Gebiet 2002 den Nobelpreis für Wirtschaft erhalten hat, haben alle bisherigen Theorien zum Entscheidungsverhalten durch ihre Forschungsergebnisse auf den Kopf gestellt.

Bisher lautete die Grundannahme aller Erklärungsmodelle, dass der homo oeconomicus ein rationales Wesen sei, das seine Entscheidungen aufgrund rein rationaler Kriterien trifft. Kennen Sie die Amoroso-Robinson-Relation? Sie müssen sie nicht unbedingt in ihren Lebens-Wissensschatz aufnehmen, aber sie ist ein gutes Beispiel für viele Modelle und Theorien der Volks- und Betriebswirtschaftslehre, die neu interpretiert werden müssen – weil der „Faktor Mensch“ bei seinen Entscheidungen anders funktioniert, als bisher angenommen.

Kahnemann und Ariely haben in ihren jahrelangen Forschungsarbeiten das Entscheidungsverhalten von Menschen verschiedener Alters-, Berufsgruppen und Nationalitäten studiert, analysiert und letztendlich ihre Schlussfolgerungen gezogen: Menschen entscheiden nie (!) nach rein rationalen Gesichtspunkten, sondern lassen sich von einer Reihe von Umweltfaktoren, sowie individualpsychologischen Determinanten beeinflussen. Daraus zwei Kostproben:

Dan Ariely

Dan Ariely, Quelle: TED.com

Dan Ariely (*1968)

Ariel Buch


Dan Ariel Buch, Quelle: Amazon

Dan Ariely: „Wissen Sie, warum schwarze Perlen so teuer sind? Als sie das erste Mal auf den Markt gekommen sind, hat sich niemand dafür interessiert, es gab keinen Markt, keine Nachfrage dafür. Dann hat ein findiger New-Yorker Juwelier die schwarzen Perlen zu einem sehr hohen Preis in seine Auslage auf der Fifth Avenue platziert und gleichzeitig Werbung in Hochglanzbroschüren von schwarzen Perlen zusammen mit Diamanten geschaltet. Kurz darauf waren schwarze Perlen zu einem Must-Have der oberen Zehntausend geworden!“Zwei Phänomene erklärt uns Ariely damit über unser Entscheidungsverhalten: Erstens, wir brauchen für Entscheidungen immer Vergleichsmöglichkeiten, um den „Wert“ zu beurteilen – sonst ist das Angebot für uns nichts wert. Und zweitens, die Art der Präsentation beeinflusst unsere Vorstellung von der Qualität, der Werthaltigkeit des Produkts.

D. Kahneman

Daniel Kahneman, Quelle: Wikipedia

Daniel Kahneman (*1934)

Kahneman Buch

Buchcover, Quelle: Amazon

Daniel Kahneman hat für unser Entscheidungsverhalten zwei Begriffe eingeführt, die die Art und Geschwindigkeit des Denkens beschreiben: System 1 und System 2.
System 1 für unser schnelles Denken (z.B. „ich sehe ein Gesicht und vermute über die Person …“) und System 2 für das langsamere Denken (z.B. „ich rechne 365 x 12″). System 1 ist schnell mit „intuitiven“ Entscheidungen zur Hand, und es lenkt uns weitaus stärker, als uns bewusst ist (siehe das Perlen-Beispiel oben).System 2 ist unser rationales, analytisches, bewertendes Denken. Es setzt dann ein, wenn System 1 „die Antwort nicht weiß“ oder wenn wir innehalten, um die Entscheidung zu „überdenken“, eine bewusste Wahl zu treffen.


Das ist heute von Bedeutung

Der Betrachtungsfokus von Kahneman und Ariely ist auf das Entscheidungsverhalten im persönlichen Kontext gerichtet – wie sieht es nun mit der Entscheidungsfindung in komplexen Situationen, vor allem im Wirtschaftsbereich aus? Wir, die BeraterInnen von ComTeam, verwenden und trainieren Methoden und Werkzeuge für die „Arbeit im System 2″, der rationalen Entscheidungsfindung.
Das beginnt mit der Komplexitäts-Analyse in Bezug auf inhaltliche und soziale Komplexität der Entscheidungssituation (siehe Grafik), spannt weiter zu Werkzeugen für Auftragsklärung, Entscheidungsverantwortung, Entscheidungsoptionen, und führt schließlich zur „Reconciliation“ – der konstruktiven Auflösung konträrer Positionen.

Für viele Führungskräfte sind Entscheidungen in komplexen Situationen Auslöser für Gefühl von Überforderung und manchmal Angst vor Misserfolg. Das führt dann zu Augen-zu-und-durch-Entscheidungen, „mein Bauch sagt mir …“ – System 1 hat die volle Kontrolle. Das Wissen, dass mein intuitives Denk-System von vielen unbewussten Einflüssen geprägt wird und ich gleichzeitig Werkzeuge für die bewusste, rationale Denk-Arbeit zur Hand habe, kann der goldene Schlüssel sein, um als Führungskraft auch bei Entscheidungen die Führung zu behalten!

Quellen

TED-Talk: Dan Ariely: „Are we in control of our decisions?“

Bücher:
Dan Ariely: „Predictably Irrational: The Hidden Forces that Shape Our Decisions“, deutsche Ausgabe: „Denken hilft zwar, nützt aber nichts: Warum wir immer wieder unvernünftige Entscheidungen treffen.“
Daniel Kahneman: „Thinking Fast and Slow“, deutsche Ausgabe: „Schnelles Denken, langsames Denken.“
Lorenz Forchhammer, Elke Lorenz, Marco Stol:l „Entscheiden in komplexen Situationen“, ComTeammedia


Der nächste Artikel: Im letzten Beitrag zur vierzigjährigen Entwicklungsgeschichte des Systemischen Denkens und Arbeitens beschreiben Walter G. Straub und Martin Gros den aktuellen Stand der ComTeam Change Management Methodik .

Peter Böhm

1958 in Wien geboren und dort aufgewachsen; nach dem Wirtschaftsstudium sammelte ich im Hilti-Konzern Führungserfahrung als Projektleiter für den Bereich Materialwirtschaft. Anschließend arbeitete ich mehrere Jahre in der Fach-Beratung für Controlling und Logistik. Seit 1991 bin ich auch als Vorstand in der strategischen Leitungsfunktion einer mittelgroßen Nonprofit-Organisation tätig. Meine Arbeitsschwerpunkte liegen vor allem in der Organisationsberatung, und dem Coaching von leitenden Führungskräften – hier kann ich mein Wissen über das Funktionieren von Organisationen und Menschenführung als wertvolle Ressource nützen. „Vertrauen und Respekt“ sind für mich der Schlüssel zu anderen Menschen, sie prägen meine Lebenseinstellung und meinen Arbeitsstil. Ich würde mich als neugierigen Menschen beschreiben – sehr gerne arbeite ich mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zusammen, und das in englischer Sprache – to enjoy diversity!

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Peter Böhm 2018-03-25T17:44:21+00:00 12. Dezember 2014|

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