Wenn der Narzissmus zum Problem wird

Geschätzte Lesezeit: 3 Minute(n)

In unserem Beruf als Berater, Coach oder Trainer hören wir folgende Sätze immer wieder: „Sie haben uns so weitergeholfen! Ohne Sie wären wir da niemals gelandet“, Coachings, die beendet werden mit Sätzen wie: „Durch Sie habe ich das und das für mich entdeckt“, Trainings, in denen es zum Abschluss heißt: „Das war das beste Training in meiner Karriere“. Und so weiter…

Natürlich ist das nicht immer und überall so… aber glücklicherweise kommen solche Situationen häufig vor. Von außen blickend kann man nun sagen: Toll, so viel positives und direktes Feedback! Und das stimmt auch.
Wie immer haben jedoch auch diese positiven Rückkopplungen in unserem Beruf eine zweite Seite: Sie nähren den Teil in uns, der sich „Narzisst“ nennt. Der sich nach den oben beschriebenen Situationen gestärkt fühlt, der sich bestätigt sieht, der sich bekräftigt vorkommt. Nun kann man sagen: Na und? Passt doch! Das stimmt nun allerdings nicht so ganz. Aus folgenden Gründen:

1. Jeder hat in sich das Wissen, nicht perfekt zu sein, Schwächen zu haben, Fehler zu machen. Dieses Wissen ist Gift für den Narzissten. Das bedeutet: Je mehr der narzisstische Teil in uns genährt wird, desto mehr „vergessen“ wir den Teil in uns, der sich sehr wohl bewusst ist über Schwächen. Desto mehr klaffen die beiden Teile in uns auseinander.

2. In unserem Beruf, in dem wir in schwierige Prozesse eingebunden sind, in dem Dynamiken bei Kunden wirken, die oft nicht vorhersehbar sind, die auch uns manchmal überrollen, gibt es eben sehr wohl auch die Rückmeldungen, in denen es heißt: „Das hat uns jetzt aber überhaupt nicht weitergebracht.“ Je mehr der narzisstische Teil in uns genährt wird, desto schlechter können wir mit negativen Rückkopplungen umgehen. Desto mehr treffen uns diese Aussagen.

Was ist also die Konsequenz? Kein positives Feedback mehr annehmen? Natürlich nicht!

Meines Erachtens geht es darum, sich bewusst zu sein, dass das ICH aus mehr besteht als aus diesen beiden Teilen. Dass sich mein Selbstwert aus mir heraus nährt – sehr wohl mit der Freude über positive Rückmeldungen, aber auch, indem ich negative Rückmeldungen ernst nehme. Nur: Ich definiere mich nicht über die Rückmeldungen anderer.

Eine gute Vorbeugung nicht in die Beraterfalle Narzissmus zu tappen ist eben ein gut gefüllter „Selbstwerttopf“: Ein hohes Maß an Selbstwert ermöglicht uns eine innere Stabilität, sodass wir nicht so schnell aus der Bahn geworfen werden von äußeren Einflüssen. Ein geringer Selbstwert hingegen sorgt dafür, dass wir uns schneller von Einflüssen aus unserer Umwelt umwerfen lassen. Ein regelmäßiger Blick nach Innen, ein Innehalten, wahrnehmen und reflektieren kann uns also vor manch unangenehmen Erfahrungen im beruflichen Miteinander bewahren!

Eine andere Konsequenz ist, sich regelmäßig ehrliche und offene Rückmeldung zu den eigenen Stärken und Schwächen zu holen – von Kollegen, Co-Trainern etc. Denn wir müssen uns immer wieder mit den beiden Teilen in uns auseinandersetzen, sie überprüfen, auch Abstand zu ihnen bekommen. Das bedeutet für mich innere Veränderung und Wachstum.

Selbstwert

Grafik: „Mein Selbstwerttopf“ Auszug aus dem Seminar „Verhalten wahrnehmen, Verhalten reflektieren“

Kerstin Kromer

Ich bin in Oldenburg 1969 geboren und dort sowie in Seattle, USA, zur Schule gegangen. Auf einer Tour von Bonn (Lehre als Hotelfachfrau) über München (BWL-Studium) und San Francisco (2-jähriges MBA-Studium mit Schwerpunkt International Management als Fulbright-Stipendiatin) bin ich 1996 in die bayerische Metropole zurückgekehrt und habe drei Jahre bei einer Strategieberatung überwiegend in der Telekommunikationsbranche gearbeitet.
Bei ComTeam bin ich seit 1999 in der Beratung von Menschen in Veränderungsprozessen engagiert. Ich konzipiere und leite firmeninterne Seminare oder Programme zu Themen wie Führung, Change Management oder Kommunikation. Zielgruppen sind erfahrene Führungskräfte, die sich weiter qualifizieren, sowie junge Führungskräfte, welche für die erste Leitungsposition fit gemacht werden.
Als Beraterin navigiere ich Großgruppen durch Veranstaltungen, arbeite mit Coaching-Klienten an persönlichen Themen und begleite Teams bei Strategie-Workshops, in Entwicklungsprozessen oder schwierigen Situationen.
Ich bin gerne und häufig in internationalen Gruppen und auf Englisch unterwegs, da mich unterschiedliche Perspektiven und Kulturen nach wie vor faszinieren. Leidenschaftlich gerne integriere ich „SolutionsFocus“, also lösungsorientiertes Denken und Handeln in mein Arbeitsleben.
Seit 2006 arbeite ich von Düsseldorf aus – mit großem Spaß an meiner Doppelrolle als Beraterin und Mutter einer süßen Tochter. Trotz der Mobilität im Job reise ich auch privat sehr gern – insbesondere nach Afrika.

Alle Posts ansehen
Kerstin Kromer 2018-03-25T16:57:58+00:00 20. März 2017|

Ein Kommentar

  1. Walter G. Straub
    Walter G. Straub 15. April 2017 um 15:08 Uhr

    vielen dank für Deinen Beitrag, es ist – auch für ältere Berater – immer wieder wichtig sich diesem Zusammenhang für das eigene Selbstwertgefühl bewußt zu sein !

Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und akzeptiere sie hiermit.

Teile es mit Freunden